Dienstag, 30. August 2011 12:43
In vielen (insbesondere Online-)Medien wird immer wieder zitiert, wie die beliebte Moderatorin Christine Westermann gegen mangelnde Formalien in eMails wettert und gern und laut betont, sie würde ihre eMails wie Briefe auf Papier schreiben. Nun, was Frau Westermann offenbart, ist bei allem Respekt weniger ihr guter Geschmack oder ihre gepflegten Umgangsformen als ein völliges Miß- und Unverständnis des Mediums “eMail”.
Ein Brief ist nicht nur sprachlich über Anrede und Grußformel ein sehr formgebundenes Kommunikationsmittel. Die Wahl des Papiers, (Farbe, Stärke, Format, Umschlag), bei Geschäftskorrespondenz zudem des Logos und der sogenannten Corporate Identity, des Schreibgeräts (Füllfederhalter, Kugelschreiber, Filzstift), der Tintenfarbe, des Schrifttyps (Antiqua, Grotesk) stellt bereits eine Aussage sowohl über den Verfasser, seinen Bildungsgrad, seine Schreib- und Imageabsicht als auch über seine Beziehung zum Empfänger dar, etwa was Rangordnung, Respekt, Altersunterschied und vieles mehr betrifft. Dass eine solche Positionierung wichtig ist und auch in unserer Zeit bleibt, zeigt die Tatsache, dass eine ganze Branche aus Grafikdesignern, Druckereien und Tintenherstellern davon lebt.
Mit einer eMail aber wird sie ganz und gar unmöglich: Je nach Monitoreinstellungen können (Schrift-)Farben völlig falsch wiedergegeben werden, Wallpaper, Logos und andere rein graphische Elemente werden von nicht wenigen Programmen als potenziell virenträchtig systematisch gelöscht, Signaturschriften sind nur dann relevant, wenn der Empfänger denselben Font besitzt, andernfalls erscheint auf dem Bildschirm eine beliebige Ersatzschrift. Hat der Empfänger seine Software so eingestellt, dass eingehende eMails in Times New Roman angezeigt werden, wird er die möglicherweise sorgfältig ausgesuchte Trebuchet oder Vivaldi des Absenders niemals zu Gesicht bekommen. Auch das Textformat ist in einer eMail kein Indikator mehr: Ränder mit elegant gewählter Breite werden nicht erstellt, Einrückungen können verschwinden oder größer erscheinen, Aufzählungszeichen werden unbemerkt ersetzt, Schriftgrad und Attribute fallen der Umcodierung zum Opfer. Einen ersten Eindruck gibt es in einer eMail also nicht, er ist zwangsläufig falsch. Nur auf Formalien zu pochen, ist reichlich naiv.
Ein weiterer Beleg dafür dass Briefe und eMails soviel gemein haben wie die sprichwörtlichen Äpfel und Birnen, ist der quantitative Gebrauch von eMails.
Im privaten Bereich sind eMails ein beliebtes Kommunikationsmittel in allen Situationen und in allen Altersstufen: Schüler und Jugendliche, Enkel und Großeltern, Tanten und Nichten, Freunde, Hobbybekanntschaften tauschen sich teilweise täglich oder mehrmals täglich über eMail aus. In meinem eigenen Bekanntenkreis kann ich vier Personen auf Anhieb benennen, die es nach eigener Aussage hassen, Briefe zu schreiben, und wirklich niemals auch nur eine Geburtstags- oder Weihnachtskarte über sich ergehen lassen würden. Sie schreiben jeden Tag Dutzende von eMails. Hier ersetzt die eMail nicht den Brief, sondern das Telefonat, durch das man sich rasch über das Wohlbefinden der frisch operierten Schwiegermutter erkundigt oder Kochrezepte austauscht – ohne dass der andere aus der Dusche springen muss, weil das Telefon klingelt.
Im geschäftlichen Bereich ist es nicht anders. Innerhalb eine Unternehmens werden eMail zwischen Mitarbeitern und Kollegen im Sekundentakt verschickt. So können Inhalte besprochen werden, ohne dass ständig zwischen zwei oder mehreren Büros hin- und hergependelt werden muss, und so festgehalten werden, dass sie eine eindeutigere Spur hinterlassen, als es bei einem Telefonat der Fall wäre. Letztlich erfüllen sie hier die Aufgabe einer persönlichen Besprechung, einer Aktennotiz oder eines stichwortartigen Memos. Bevor es eMails gab, haben sich die Kollegen zu ähnlichen Belangen nicht lange Briefe auf Firmenpapier geschrieben, sie haben telefoniert oder einander auf die Schnelle ein von einem Notizklotz abgerissenes Zettelchen mit knappen Kritzeleien durch die halboffene Bürotür gereicht. Das Gleiche gilt für die Kommunikation zwischen Unternehmen, zwischen Kunden und Lieferanten, zwischen Auftraggebern und Auftragnehmern, Kanzleien und Mandanten. Hier fungiert die eMail entweder als Nachfolger des Telex für die blitzschnelle Übermittlung kurzer, präziser und dringender Informationen oder als Einleitung zu einem Anhang und ist dann einem Kurzbriefformular gleichzusetzen, auf dem meist ganz ohne persönlichen Text, mit bestenfalls abgekürzter Unterschrift lediglich fertige Begriffe wie “zur Weiterleitung”, “zur Aufbewahrung”, “zur Kenntnisnahme”, “zur Erledigung” oder “zur Stellungnahme” angekreuzt wurden. Der eigentliche Brief ist im Umschlag nicht das angeheftete Papierchen und in der virtuellen Welt nicht die eMail, er befindet sich im Anhang.
Sinn und Zweck einer eMail sind also vom Sinn und Zweck eines Briefes grundverschieden. Und als zwei völlig voneinander unabhängige Mittel menschlicher Kommunikation unterliegen sie unterschiedlichen Regeln und Formalien. Schon deshalb sind die in eMails häufig verwendeten Smileys oder Abkürzungen wie MfG, HDL und dergleichen keineswegs Zeichen mangelnder Manieren oder gedankenloser Unhöflichkeit. Hat man früher in einer vergleichbaren Situation miteinander telefoniert, hat man auf einen humorvollen Satz des Ansprechpartners mit einem leichten Lachen reagiert - so signalisiert der zivilisierte und höfliche Mensch, dass er den Witz (und sei er noch so schlecht) bemerkt und verstanden, ja geschätzt hat - und ebenso hat man durch eine Veränderung des Tonfalls oder ein sozusagen hörbares Schmunzeln die eigenen Aussagen entschärft, freundlicher oder gefälliger gestaltet. Heute antwortet man mit einem lächelnden Smiley oder schmückt den eignen Satz mit einem zwinkernden kleinen gelben Kerlchen, damit der Gesprächspartner nichts überbewertet. In einem echten Brief wäre dies nicht notwendig, weil durch die Textlänge und den Zeitfaktor vielseitige Stilmittel zur feineren Formulierung zur Verfügung stehen. Ein “HDGDL” ist nichts anderes als ein durchs Telefon hastig zum Abschied hingeworfenes Küsschen - nicht die Schlussfloskel eines Briefes.
Wenn Frau Westermann also wortreich die Form-Losigkeit von eMails beklagt, benimmt sie sich etwa so, als würde sie ihrem Steuerberater vorwerfen, dass er ihr für die Weiterleitung eines Steuerbescheids nur ein angeheftetes Kurzbriefformular zukommen lässt, als würde sie sich darüber aufregen, dass ein geschenkter Kunstkatalog sie lediglich mit einem “With compliments”-Kärtchen erreicht oder die Kollegen auf dem Flur des Senders den morgendlichen Bürotratsch nicht mit “Sehr geehrte Frau Westermann” einleiten. Es ist ihr gutes Recht. Dass ausgerechnet eine Journalistin nicht zwischen den unterschiedlichen Funktionen und Wertigkeiten der Medien unserer Zeit zu differenzieren vermag, ist allerdings schon befremdlich.